Diagnose Reizdarmsyndrom

Reizdarmsyndrom: Die Diagnose der funktionellen Störung

Alle funktionellen Störungen haben bedauerlicherweise eines gemeinsam: Sie lassen sich mit Hilfe klinischer Untersuchungsmethoden kaum oder gar nicht nachweisen. Um sie dennoch zu ermitteln, bedient man sich daher der so genannten Ausschlussdiagnose (lateinisch: Diagnosis per exclusionem). Dabei wird der Patient auf das Vorliegen konkurrierender Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie das Reizdarmsyndrom verursachen können, untersucht.

Nur bei durchgehend negativen Befunden (wenn also keine Anhaltspunkte für eine anderweitige Erkrankung festgestellt werden) kann eine funktionelle Störung diagnostiziert werden. Dass aufgrund der unüberschaubaren Vielzahl potentieller Krankheitsauslöser immer ein minimaler Zweifel an der Diagnose Reizdarmsyndrom oder Reizmagensyndrom verbleibt, muss dabei hingenommen werden. Schließlich ist es aus medizinischen und ökonomischen Gründen weder möglich noch sinnvoll, alle Patienten einer nicht enden wollenden Diagnostik zu unterziehen.

Dem Reizdarmsyndrom auf der Spur

Dennoch, so wenig ergiebig eine körperliche Untersuchung bei Vorliegen einer funktionellen Störung auch ist, für die positive Diagnose des Reizdarmsyndrom ist zumindest eine „Routinediagnostik“ unerlässlich. Nicht zuletzt vermittelt sie dem Patienten darüber hinaus das Gefühl eines gewissenhaften Vorgehens. Gerade Reizdarmsyndrom Betroffene sind nämlich oft – aus verständlichen Gründen – von einer organischen Ursache ihrer Beschwerden überzeugt. Sie zeigen daher meist eine erstaunliche Bereitschaft, sich mehrfach auch unangenehmen Untersuchungsmethoden zu unterziehen.

Einer Langzeitstudie zufolge muss die Erstdiagnose „Reizdarm“ in

weniger als 5% aller Fälle nachträglich revidiert werden. Bei maximal

jedem 20. Reizdarmpatienten findet sich also imweiteren Verlauf

entgegen erster Einschätzungen eine organische Erkrankung.

Auch die Weigerung, psychogene Faktoren als Ursache oder zumindest als „Verstärker“ ihrer Beschwerden in Betracht zu ziehen, ist typisch für Betroffene. Dennoch muss der behandelnde Arzt die Balance halten zwischen einer sorgfältiger Abklärung und der Gefahr der Übertestung. In der Praxis unternimmt man daher bereits bei begründetem Verdacht und nach Ausschluss der häufigsten und wahrscheinlichsten Erkrankungen erste Therapieversuche. Erst wenn diese versagen, sind weitere, klinische Verfahren sinnvoll.

Einer Langzeitstudie zufolge muss die Erstdiagnose „Reizdarm“ in weniger als 5% aller Fälle nachträglich revidiert werden. Bei maximal jedem 20. Reizdarmpatienten findet sich also im weiteren Verlauf entgegen erster Einschätzungen eine organische Erkrankung.

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Diagnosesicherung des Reizdarmsyndroms

Nach einer Empfehlung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sollte die Diagnosesicherung eines funtionellen Magen-Darm-Syndroms auf folgenden drei Grundlagen basieren:

  1. Ein typisches Beschwerdebild sowie anamnestische (die Krankheitsvorgeschichte betreffende) Charakteristika und Merkmale.
  2. Normalbefunde der morphologischen (körperlichen) Untersuchungen des Verdauungsapparates und seiner Umgebungsorgane.
  3. Normalwerte bei orientierenden Laboruntersuchungen.

Das im ersten Punkt genannte „typische Beschwerdebild“ leitet sich aus den unter „Reizdarmsyndrom Symptome – so macht sich die Krankheit bemerkbar“ erläuterten charakteristischen Beschwerden ab.

Da das Reizdarmsyndrom aufgrund der umfangreichen Symptomatik jedoch sehr unterschiedliche individuelle Krankheitsbilder hervorrufen kann, haben einige Forschungsgruppen versucht, diagnostische Kriterien für die Definition eines Reizdarmsyndroms festzulegen. Am geläufigsten und aktuellsten sind die sogenannten „Rom-Kriterien“. Ihnen zufolge spricht man von einer funktionellen Magen-Darm-Störung, wenn die folgenden Merkmale vorliegen:

  • Mindestens drei Monate kontinuierliche oder wiederholte abdominale (den Bauchraum betreffende) Schmerzen oder Unbehagen, die durch Stuhlgang erleichtert werden und die unter Umständen mit einer Änderung der Stuhlfrequenz und/oder der Stuhlkonsistenz verbunden sind.
  • Während ¼ des Beschwerdezeitraumes müssen mindestens zwei der folgenden Kriterien vorliegen:
    • Stuhlfrequenz höher als 3 x täglich oder seltener als 3 x pro Woche
    • Veränderte Stuhlkonsistenz
    • Veränderte Stuhlpassage
    • Schleimabgang
    • Blähungen

Von den Symptomen einer funktionellen Störung abzugrenzen sind die sogenannten „Befindlichkeitsstörungen“. So bezeichnet man gelegentliche Magen-Darm-Beschwerden, die situativ oder unter besonderer Belastung auftreten, schnell wieder verschwinden, gut auf das Vermeiden auslösender Faktoren ansprechen und die Lebensqualität auf Dauer nicht nachhaltig beeinträchtigen.

Bei der körperlichen Untersuchung stehen dem Arzt zahlreiche Verfahren zur Verfügung, über deren Einsatz er von Fall zu Fall entscheiden muss. Je weiter die diagnostische Abklärung voranschreitet, ohne dass eine Krankheitsursache festgestellt werden kann, um so spezifischer werden die angewandten Methoden. Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt einen positiven körperlichen Befund zu erheben, sinkt allerdings mit jeder weiteren Maßnahme.

Üblich sind bei Erstuntersuchungen unter anderem das Abtasten der Bauchregion und eine abdominale Sonographie (Ultraschalluntersuchung des Bauches). Erst bei hinreichenden Verdachtsmomenten und nach erfolglosen Therapieversuchen kommen weiterführende Verfahren wie die Spiegelung von Magen oder Darm in Betracht. Ihre Anwendung hängt unter anderem vom Alter des Patienten und der Schwere seiner Beschwerden ab.

Im Rahmen einer „orientierenden Laboruntersuchung“ wird mittels einer Blutprobe ein Blutbild erstellt, anhand dessen sich beispielsweise Indikatoren für eine Entzündungsaktivität ablesen lassen.

Zum Ausschluss von Parasitenbefall kommen ferner Stuhluntersuchungen in Frage. Da auch in der Labordiagnostik unzählige, vom Einzelfall abhängige Untersuchungsmethoden zur Verfügung stehen, soll an dieser Stelle nicht näher auf sie eingegangen werden.

In der Regel kann man darauf vertrauen, dass der behandelnde Mediziner seiner Sorgfaltspflicht nachkommt und wie sein Patient nur ein Ziel hat: Die Ursache der Beschwerden zu ermitteln und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Das Verfahren, mit dessen Hilfe das Vorliegen anderer, symptomatisch ähnlich gelagerter Krankheiten untersucht wird, bezeichnet man als „Differentialdiagnostik (DD)“. Wie weit es im Einzelfall vorangetrieben wird, ist individuell verschieden und liegt im Ermessen des Arztes.

Reizdarmsyndrom – körperlich gesund und trotzdem krank

Generell sollten „Alarmsymptome“ wie Gewichtsabnahme, Blutarmut, Kräfteverfall oder Blutverlust zu einer Intensivierung der diagnostischen Bemühungen führen, da sie keinesfalls mit einem Reizdarmsyndrom zu vereinbaren sind.

Sie wissen – möglicherweise auch aus eigener Erfahrung -, dass funktionelle Störungen für zahlreiche Krankheitsbeschwerden verantwortlich sind. Sie haben nun erfahren, dass der Nachweis eines Reizdarmsyndrom paradoxerweise dadurch erbracht wird, dass der Patient für körperlich gesund erklärt wird. Sicherlich fragen Sie sich daher, wie es denn überhaupt zu den Beeinträchtigungen kommen kann.

Der medizinischen Forschung ist es bis heute nicht gelungen, diese Frage hinreichend zu klären. In den letzten Jahren sind auf diesem Gebiet aber gewaltige Fortschritte gemacht worden, die zu einem völlig neuen Verständnis dieses Krankheitsbildes führen und damit eine sehr viel effizientere Behandlung ermöglichen. Sie sind Thema des Artikels RDS: Die Mechanismen der Krankheitsentstehung.

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Artikelbild: © kei907

Weiterführende Informationen

Symptomtagebuch - Hilfe bei Reizdarm  Reizdarm Auslöser und Verstärker

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