Reizdarm durch Stress

Reizdarm durch Stress: Seelische und psychische Trigger

Bis vor einigen Jahren wurden in der klinischen Praxis ausschließlich psychologische Faktoren für die Entstehung funktioneller Magen-Darm-Beschwerden verantwortlich gemacht. Man betrachtete das Reizdarmsyndrom als psychosomatische Störung, also als eine Krankheit, die sich aufgrund eines chronisch-psychischen Konflikts entwickelt. Wie Sie aus den vorangegangenen Artikeln wissen, existieren aber noch zahlreiche andere, teils gewichtigere Verursacher dieses Krankheitsbildes.

Dennoch sind Persönlichkeitsmerkmale wie Somatisierungstendenz („Verkörperlichung“), Ängstlichkeit oder eine depressive Grundstimmung bei RDS Patienten keine Seltenheit. Da sie allerdings auch in Zusammenhang mit anderen chronisch funktionellen und somatischen Beschwerdekomplexen auftreten, geht man inzwischen davon aus, dass sie eher Folge denn Ursache eines Reizdarmsyndroms sind. Zumindest bei einem Teil der Betroffenen gilt es sogar als erwiesen, dass ihre seelischen Beeinträchtigungen auf funktionelle Störungen zurückzuführen sind und diese in ihrer Intensität verstärken. Hier spricht man also eher von Stress durch Reizdarm statt Reizdarm durch Stress.

Nur bei wenigen Patienten besteht ein offensichtlicher und unmittelbarer Zusammenhang zwischen Reizdarm und Stress in Form von Lebensereignissen, bei anderen wiederum findet sich überhaupt keine Verbindung. Innerhalb dieses Spektrums bewegt sich der Großteil der Betroffenen. Bei ihnen unterstützen psychologische Faktoren das Krankheitsbild in einem individuell unterschiedlichen Ausmaß.

Eine somatische (körperliche) Ausschlussdiagnose reicht nicht aus, um seelische Begebenheiten als Trigger zu identifizieren und die Diagnose Reizdarm durch Stress zu stellen. Eine psychologische Behandlung macht nur Sinn, wenn ein positiver Befund einer psychischen Störung oder Erkrankung vorliegt. Als Allheilmittel taugt eine Psychotherapie auch bei funktionellen Beschwerden nicht.

Untersucht man das Seelenleben von RDS Patienten, so findet man viele potentielle Auslöser: Depressionen, Gefühle der Überforderung oder die Unfähigkeit, Emotionen zum Ausdruck zu bringen, spielen häufig eine große Rolle bei der Krankheitsentstehung. Auch physischer oder sexueller Missbrauch im Kindesalter wird von Betroffenen überdurchschnittlich häufig berichtet. Hinzu kommt in vielen Fällen ein erlerntes Krankheitsverhalten, also die Neigung, bereits bei geringen Beschwerden einen Arzt zu konsultieren.

„Katastrophen-Verhalten“: Bereits bei geringen Beschwerden entsteht bei manchen Betroffenen der Eindruck, der gesamte Tag sei ruiniert.

Die Unfähigkeit, eine Krankheit zu Verarbeiten und fehlende soziale Unterstützung können ebenso die Entstehung funktioneller Störungen beeinflussen wie soziokulturelle Ursachen (z. B. enge Jeans). Diskutiert wird auch das sogenannte „Katastrophen-Verhalten“: Bereits bei geringen Beschwerden entsteht bei manchen Betroffenen der Eindruck, der gesamte Tag sei ruiniert. Stress ist dann also definitiv vorhanden.

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Reizdarm durch Stress oder Stress durch Reizdarm?

Menschen mit RDS reagieren einer Studie zufolge sensibler auf Stress, was zu einer Veränderung der Motorik von Magen und Darm führt. Reizbarkeit, Ärger und unterschwellige Konflikte haben denselben Effekt. Chronische Beschwerden ziehen während des Krankheitsverlaufs zunehmend die Aufmerksamkeit auf sich. Die anhaltende Beobachtung der Symptomatik verfeinert die Wahrnehmung und lässt andere Dinge in den Hintergrund treten.

41% aller Menschen mit Angststörungen und fast 30% der Patienten mit Depressionen leiden gleichzeitig unter einem Reizdarmsyndrom. Gleichwohl ist der Anteil depressiver RDS Patienten nur geringfügig höher als der Anteil depressiver Menschen in der restlichen Bevölkerung.

Nach einer Untersuchung klagen Personen mit funktionellen Störungen darüber hinaus überdurchschnittlich häufig über Unzufriedenheit im beruflichen Bereich. Nicht geklärt ist allerdings die Frage, ob diese Situation eher Auslöser oder Folge der Beschwerden ist. Auch das Vermeidungsverhalten, das sich beispielsweise durch Arbeitsausfall bei Krankheit zeigt, wurde bei RDS Betroffenen gehäuft festgestellt.

Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass Frauen, die mit ihrer Rolle als Mutter, Ehefrau oder Partnerin unzufrieden sind, in größerem Maße unter Obstipation leiden. Auch Probleme im sexuellen Bereich traten hier gehäuft auf. Bei Männern dürfte es vergleichbare Zusammenhänge geben.

Interessant ist auch die wissenschaftlich belegte Erkenntnis, dass Patienten mit RDS auf emotionale Ereignisse und Umwelteinflüsse mit erhöhter Aktivität des gesamten (!) Gastrointestinaltrakts reagieren, und nicht nur mit vermehrter Peristaltik des Dickdarms.

Dass die Rate von Testpatienten, die auf Placebos (Scheinmedikamente ohne Wirkstoff) ansprechen, bei Untersuchungen zum Reizdarmsyndrom mit durchschnittlich 45% höher liegt als in anderen Studien, belegt einmal mehr die Bedeutung psychischer Faktoren bei der Erklärung funktioneller Störungen und macht die Vermutung, das Reizdarm durch Stress verursacht werden kann, greifbar.

Therapiekonzepte, die nach dem positiven Befund einer psychischen Beteiligung Erfolg versprechen, sind Gruppentherapie, Verhaltenstherapie, Hypnose, Biofeedback oder funktionelle Entspannung. Welche Verfahren im Einzelfall angezeigt sind, muss individuell entschieden werden. Nähere Informationen hierzu finden Sie im zweiten Teil des Buches.

Fazit: Weder Arzt noch Patient sollten den Fehler machen, ausschließlich seelische Faktoren für die RDS Beschwerden verantwortlich zu machen, da dies einer Vorverurteilung gleichkäme. Liegen aber Anhaltspunkte vor, die eine tiefergehende psychogene Abklärung rechtfertigen, sollte man diesen wichtigen Behandlungsschritt nicht länger hinauszögern. Egal ob nun der Reizdarm durch Stress ausgelöst wird oder umgekehrt: Setzt eine Besserung bei einem von beiden ein, so kann das für das Andere also nur von Forteil sein.

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Artikelbild: © kei907

Weiterführende Informationen

Reizdarmsyndrom Behandlung mit Psychotherapie  Hilfe bei Raizdarm

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